Mahlstein-Porträts

Stein 107 der Mahlsteinsammlung in Neu Kleinow

Diesen Stein als Mühlstein zu bezeichnen, wäre nicht ganz richtig, aber dazu später.
Betrachtet man den Stein von allen Seiten, so ist festzustellen, dass er nicht liegend, sondern stehend genutzt wurde: Der Umfang des Steines ist seine Arbeitsfläche.

Steindaten:
Material: Sandstein
Steindurchmesser: 45.5 cm
Steinstärke: 15 cm
Lochdurchmesser: 26 cm
Lochtiefe: 14 cm
Auffällig sind die vier Aussparungen, die sich nur auf der Vorderseite des Steines befinden.

Die Maße in cm dieser Aussparungen sind folgende:
Aussparung 1: L 7.5, B 11, T 1; R1 4.5 (abgebrochen)
Aussparung 2: L 6, B 11, T 1; R2 5 (abgerieben)
Aussparung 3: L nicht erhalten, B 11, T 2; R3 nicht erkennbar
Aussparung 4: L 8, B 10, T 2-4; R 6.5 (erhalten)

Wie unschwer zu erkennen, sind die Aussparungen kreuzförmig angeordnet, diese Aussparungen nehmen die Haue (Mitnehmereisen oder Treiber) des Mühleisens auf, an dem das Mühlenkreuz befestigt wird.
Mit Hilfe eines Mühlenkreuzes kann dieser Stein entweder einzeln angetrieben werden oder er wird mit einem zweiten eben solchen Stein mit Hilfe des Mühlenkreuzes verbunden, so dass beide Steine gemeinsam angetrieben werden können.

Wie werden solche Steine angetrieben?
Mit menschlicher Muskelkraft wohl kaum. Neben Tieren, welche die Steine in Schwung bringen, kann und wurde in der Regel ein Göpelwerk benutzt, welches auch von einem Tier angetrieben wurde.

Das Göpelwerk
Ein Göpelwerk ist ein mechanisches Getriebe, welches sich aus mehreren Zahnrädern zusammensetzt und durch die Kraftübertragung auf das Mühlenkreuz die Steine ins Rollen bringt. Göpelwerke wurden noch in der Nachkriegszeit im ländlichen Raum eingesetzt, nicht nur um Mahlsteine anzutreiben, sondern auch Dresch- und Häckselmaschinen. Göpelwerke hatten damals den großen Vorteil, dass mit ihnen unabhängig von elektrischem Strom gearbeitet werden konnte, da eine kontinuierliche Stromversorgung nicht gewährleistet war. Damit sich das Göpelwerk in Bewegung setzen konnte, waren in der Regel Pferde notwendig, die von einer Person im Kreis geführt wurden, um wiederum den Göpel in Bewegung zu halten.

Nutzung
Eingesetzt wurden Mühl- oder Mahlsteine, die stehend liefen, um Samen zu Öl oder zu Farbpulver zu zerquetschen, genutzt wurden solche Mahlsteine auch um Erze, Steine und Papierrohstoffe zu zermahlen.

Der Kollergang
Der Arbeitsvorgang von einem oder zwei stehenden Mahlsteinen, die in einer zumeist runden Wanne oder auf einer Bodenplatte laufen, wird Kollergang genannt.

Skizze eines Kollergangs von Hans Benthin, Berkholz

Der Prozess des Mahlens ist immer an zwei Steine gebunden:
Einem unbeweglichen Unter- oder Bodenstein und einem beweglichen Oberstein, der in der Regel Läufer genannt wird.

Die Abnutzungsspuren auf dem hier vorgestellten Exemplar zeigen deutlich, dass der Stein auf seinem Umfang lief, aber auch eine sekundäre Verwendung des Steines als Schleifstein kann nicht ausgeschlossen werden.

Der Stein 107 in der Neu Kleinower Sammlung ist ein Kollergang-Läufer.

Und wer sich einen besonders großen Kollergang-Läufer ansehen will, der statte der Boitzenburger Klostermühle einen Besuch ab. Der dortige Kollergang-Läufer weist auf seinem Umfang auch noch eine Schärfung auf.